Katzenmutter

 wurde ich nach dieser Geschichte genannt.

 Gerade mal 9 Jahre alt erlebte ich das erste Mal, daß mich jemand ernsthaft und in großer Not um Hilfe ersuchte. Es handelte sich um die Katze unseres Bauern in der Nachbarschaft. Eines morgens saß sie, vermutlich nach einem nächtlichen Kampf mit einem wohl größeren Tier, schwer verletzt in der Nähe unserer Haustür. Ihrem Kopf fehlten ganze Stücke Fleisch sowie ein Ohr.

Aus Erfahrung wußte ich, daß der Bauer seine Katzen als Nutztiere sah, nicht viel Federlesens mit ihr machen und sie töten würde. Das normalerweise recht scheue Tier ließ sich ohne Gegenwehr von mir hochnehmen,  ohne weiter nachzudenken nahm ich sie und versteckte sie erst einmal in unserem Schober an einem Platz, wo normalerweise keiner hin kam. Dort lag die Arme nun, nicht fähig, sich von der Stelle zu rühren. Klar war mir, daß ich sie mit Futter versorgen mußte, damit sie überleben konnte.

Gedacht, getan...ich entwendete in den nächsten beiden Tagen ohne Anfrage bei meinen Eltern mehrfach Lebensmittel aus der Küche um damit meinen Patienten zu versorgen. Meine Mutter entdeckte das ziemlich schnell und reagierte recht ärgerlich, weil sie der Meinung war, die Familie gut zu ernähren und diese Heimlichkeiten sie auf die Palme brachten. Bald kam sie mir auf die Schliche und fand heraus wohin die Lebensmittel wanderten. Sie schimpfte mich tüchtig aus, sie möchte nicht, daß ich was auch immer, heimlich entnehme und hielt es mir als Diebstahl vor. Die Katze wollte sie nicht mit ernähren, die diese ihrer Meinung nach die Verletzungen ohnehin nicht überleben könnte.

Ganz geknickt wollte ich einige Zeit  danach  das Tier aufsuchen und mußte feststellen, daß sie verschwunden war.

Unglücklich und traurig saß ich in dem Schuppen und die Tränen rollten mir über die Wangen. Was hatte ich nur getan? Nicht daß ich es bereute, die Lebensmittel entwendet zu haben, das war es nicht! Schlimm fand ich, daß ich mich hatte erwischen lassen und meine Mutter womöglich den Bauern informiert hatte, damit dieser die Katze von ihren Leiden erlöste. Wo sonst hätte sie sein können in ihrer hilflosen Lage?

Die Zeit verging und die Katze blieb unauffindbar so sehr ich auch nach ihr suchte in allen denkbaren Verstecken. Von Tag zu Tag sank meine Hoffnung, dass sie noch lebte. Zu fragen wagte ich nicht, da ich Angst hatte, erneut ein Donnerwetter zu erleben.

 Etwa vier Wochen später mag es wohl gewesen sein, da saß sie eines vormittags plötzlich draußen vor dem Haus und genoß ein Sonnenbad. Die Wunden waren einigermaßen verheilt und die eine Gesichtshälfte mit dem fehlenden Ohr wurde von einer lederartigen Haut überzogen, auf der keine Haare wuchsen. Das hässliche Gesicht schreckte mich nicht, wichtig war nur, daß sie noch lebte. Überglücklich eilte ich zu ihr und sie begrüßte mich mit freudigem Miauen. Von da an gab es tägliche Begegnungen zwischen uns beiden die wir mit  kuscheln und schmusen verbrachten.

 Einige Monate darauf war sie wieder tagelang verschwunden und ich begann erneut mir Sorgen um sie zu machen. Genauso unvermittelt war sie aber auch wieder an dem gewohnten Platz. Diesmal allerdings schien sie nicht zu einem Austausch von Zärtlichkeiten gestimmt zu sein. Sie strich mir um die Beine und lief dann immer wieder ein Stück weg. Irgendwann erkannte ich, daß sie jedesmal in die gleiche Richtung ging und hatte das Gefühl, daß sie mich abwartend und auffordernd zugleich ansah. Also folgte ich ihr, bis ich wieder bei ihr ankam. Dieses Spiel wiederholte sich etliche Male, bis wir irgendwann im Heuschober des Bauern standen und von da aus in Richtung des gelagerten Heus. Dort angekommen sprang sie mit einem Satz auf den Heuberg und drehte sich wieder einmal um, also kletterte ich auch hinauf und krabbelte hinter ihr her bis in den letzten Winkel. Dort angekommen war mir klar, was sie bezwecken wollte, denn im Heu lagen fünf kleine Kätzchen die winzig klein und noch blind waren. Da saß sie nun bei ihren Kindern und sah mich an als wollte sie sagen: „Na, habe ich meine Kinder nicht gut versteckt?“

In der folgenden Zeit führte mich mein täglicher Weg mindestens einmal auf den Dachboden zu der jungen Familie, manchmal saß ich stundenlang einfach nur da und beobachtete die Mutter bei ihren Erziehungsmaßnahmen und lernte dabei, daß Katzen recht streng mit ihren Kindern sind. Als die Kleinen groß genug waren für die ersten Ausflüge, taten sie das ausschließlich unter den aufmerksamen Augen der Mutter.

 Trotz ihrer Bemühung haben es einige nicht überlebt, denn als der Bauer gewahr wurde, welchen Tiersegen er neuerdings besaß, brachte er drei davon um. Zwar versuchte er das heimlich zu tun, so dass ich es nicht mitbekommen sollte, aber meine Sinne waren durch das vorangegangene Erlebnis geschärft.  War außerdem von meiner Mutter vorgewarnt, da sie, wohl ahnend, wie er handeln würde, mich darauf vorbereitet hatte. Es dauerte lange bis ich meine Trauer überwunden hatte, nicht in der Lage zu sein den Kleinen helfen zu können.